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Glossenarchiv

Hier finden Sie einige der Glossen, die Sie einstmals auf der Seite hätten finden können, von der Sie gerade gekommen sind...


Koks mit Sahne

Während der WM hatten F. und ich bereits einen Eindruck von der demografischen Entwicklung der BRD in den nächsten 50 Jahren:
Menschenleeres Schanzenviertel, nicht mal auf der Stresemannstraße Verkehr. Es spielten gerade die Sach-noch-mal gegen die anderen, die aus Weiß-ich-auch-nicht-mehr.
Plötzlich kommt eine Wanne angebraust und die Polizei stürmt ein bisschen die Post. Hand an der Dienstwaffe, aber keine Schussweste. Hm.
Später erzählt eine Frau, ein junger Mann habe versucht, Drogen zu verschicken.
Wie der wohl aufgeflogen ist?
F. und ich sitzen in einem Eiscafe und spielen die Szene durch.

Ich: “Ich hab hiern Paket, ist das auch versichert?“
F. (schiebt mir die Getränke- und Eiskarte rüber): “Jo, füllnse ma hier aus, was da so drin is, wie viel das kostet un so.“
Ich: “Also, zwei Kilo Heroin, macht zirka hunderttausend Eier... (F. zückt sein handy und wählt)... wieso rufen Sie denn jetzt bei den Bullen an?”
F.: “Ähja, die machen ja jetzt auch telefonische Zeitansage, und meine Uhr geht nach. Wegen Mittachspause.”
Ich: “Ahso, hehe, ja, okay. So - was ist da noch drin, lassen Sie mich ma überlegen - paar Nasen... sind so Beutel... phhh... wolln ma sagen, ungefähr 500 Gramm. Warenwert? Tja, mhm, zirka...“

Dann kommt leider schon die Polizei, um uns festzunehmen. Stimmt gar nicht – ist bloß die Serviererin, die sich nach unseren Wünschen erkundigt. Beinahe hätte ich Koks mit Sahne bestellt.



Kartoffelsalat a l`orange

„Zu Weihnachten“, hatte ich im letzten Jahr der Familie verkündet, „gibt es Würstchen mit Kartoffelsalat“. Das mussten die Nichten erstmal verdauen, aber am nächsten Tag riefen sie an: “Da ist Gammelfleisch drin!“ „Quatsch“ erwiderte ich, „das sind Pferdewürstchen“. „Igitt!“ Wie wär´s denn mit Meeresfrüchten?“ schlug ich vor. „Igitt - aber nichts mit Antennen!“ Ein langes Lamento setzte ein, aber schließlich hatten sie mich weich gekocht. „Und - was möchtet Ihr essen?“ Wie aus der Pistole geschossen hieß es: „Ente a l`orange. Das machen wir dann schon.“ Da wusste ich bereits, was auf mich zukam.
Eine Woche vor Weihnachten kriegt man in ganz Hamburg keinen Bräter mehr. Also erhielt die älteste Nichte den Auftrag, einen mitzubringen, der vermutlich vom letzten Jahr noch jede Menge Gänsereste enthielt. Was dann auch stimmte.
Im Lidl, wo ich die Orangen einkaufte, steht vor mir in der Schlange eine 14jährige, neben ihr Mutter mit steinharter Dauerwelle. Das Mädchen zückt ihr Handy und brüllt hinein: “Du glaubst nicht, wo ich bin - shoppen mit Mum.“ Shoppen! Mit Mum! Bei Lidl!- das musste jetzt ich erst mal verdauen. Ich bin ja schon oft beeindruckt worden, aber schließlich immer wieder drüber weggekommen. Wie 1999, als kurz vor Weihnachten die Schwiegergroßmutter hoch betagt starb. Die Erbinnen waren zwei Nichten über siebzig, die das Haus sowie das Kaffeegeschirr der Verblichenen erhielten. Als sie das Geschirr in Augenschein nahmen und feststellten, das es sich um dasselbe handelte, von dem sie in ihrer Jugend mit Grausen gegessen hatten, stellten sie sich an die Kellertür und warfen mit Schmackes einen Teller nach dem anderen die Kellertreppe runter. Zum Schluss die Kaffeekanne. Da waren 4000 Mark drin. Man stelle sich vor, die hätten alles nach Afghanistan geschickt oder auch nur zweieinhalb Jahre später reingeguckt! Für das Geld haben sie sich dann ein meines Erachtens genau so scheußliches Geschirr gekauft. -
Am 24. kamen sie dann nacheinander eingetrudelt. Die mittlere Nichte musste dringend die Examensarbeit einer Freundin auf orthografische Fehler nachgucken - den Bock zum Gärtner machen, nenne ich so was; die älteste kam zu spät, weil sie zunächst mal die Tannenbaumkerzen vergessen hatte - alle Augenblicke kam ich zum Nachsehen, ob sie den probehalber angezündeten Tannenbaum nicht auch wirklich angezündet hatten und die jüngste kam sehr früh, weil sie bei mir oben im Haus wohnt, sich einen Fön auslieh und danach sehr spät kam. Mit den Enten war ich praktisch allein.
Die jüngste Nichte hatte sich übrigens einen Pullover gewünscht: „Der kostet 130 Euro, die Hälfte kann ich selbst bezahlen, dann kostet er noch 65 Euro.“ Das hätte ich zur Not auch noch selbst ausrechnen können. Der Großneffe wünschte sich ein Schwert, das leuchtet und ein Gebrüll ausstößt. Das wünschen sich die kids anscheinend alle, neben einem Roller für 100 Euro. Den Ausdruck kids finde ich übrigens scheiße. Ich kenne nur Rehkids, und die sollte man ein, zwei Jahre am Leben lassen und dann mit Preisselbeeren, Schwammerlsoße und Semmelknödeln servieren.
Aber es gab ja Ente.
Es ist ungeheuerlich, was man alles dazu braucht: Weißwein, Likör, Hühnerbouillon, den Saft von unbehandelten und behandelten (?) Orangen respektive Zitronen und mehrere Gläschen Portwein. Diese allerdings zur seelischen Stärkung der Köchin. Auf diese Art überstand ich dann die Kocherei, konnte mich aber an den Rest des Abends überhaupt nicht mehr erinnern, was vermutlich auch besser war.



Hera Lind „Die Champagnerdiät“, Diana-Verlag, kostet 16.95

Vanillestreusel auf Käsekuchen? Der wird übrigens auf der Gaggenau-Warmhalteplatte – äh – warm gehalten. (Reklame?) Das Buch ist von Rezepten durchzogen wie ein Käsekuchen von Vanillestreuseln. Nicht gerade mein Geschmack, aber das gilt schließlich für den ganzen Kä..., für das ganze Buch.
Inhalt: Eva ist Ende dreißig, wohnt in einem Dorf – wo der Gatte Hauptarbeitgeber ist -, wird fett, der Mann verlässt sie für eine Jüngere. So weit, so zum Einschlafen. Am Ende des Buches ist sie wieder schlank, ihr Mann dick und sie kriegt jemanden namens Oliver und alles wird gut. Oliver! Das hätte ja nicht sein müssen.
Die pubertäre Tochter heißt Leonie, sagt Sachen wie „voll krass“ und zeigt ihr den Weg ins Internet, wo sie den besagten O. kennen lernt. Das Internet eröffnet ihr „neue Perspektiven“, aber das ist dann auch alles, was sich ihr eröffnet. Die Perspektiven bestehen aus Fernsehen, Chatten und Fitness-Studio. Von „Selbstverwirklichung“, wie auch immer die aussehen mag (Entwerfen von Modeschmuck?) und worüber Lind sonst gerne schreibt, habe ich mir sagen lassen, ist in diesem Buch keine Rede mehr. Keine Rede von Arbeitslosigkeit oder Angst vor der Zukunft. Kein Buch wird gelesen, keine Theateraufführungen oder Konzerte werden besucht. Gespräche unter Freundinnen, so genannte Frauengespräche, sind völlig wertfrei und gehen über Laber-Rhabarber nicht hinaus.
Ach ja - doch noch ne Perspektive: Eva wird Kolumnen für Dicke schreiben und/oder eine Schlankheitsfarm eröffnen – die Arbeiterwohnungen, noch von ihrem Mann gebaut, stehen jetzt ja leer...
Da Sie das Buch eh nicht lesen werden, kann ich gleich gestehen, dass ich es auch nicht gelesen, sondern nur überflogen habe: Ein innerer Schweinehund tritt auf, ist stellenweise ganz lustig, wird aber überstrapaziert und damit öde. Lange und langweilige Liebesbriefe per email , Eva und O. treffen sich mal eben in New York, kein Problem. Tochter fährt mit Vater mal eben nach Mauritius, kein Problem.
Von einer Mittelstandsschnepfe für Mittelstandsschnepfen geschrieben; für Arme ist das Buch zu teuer. Für die gibt`s die Brigitte beim Arzt im Wartezimmer, die Bunte oder noch was Schlimmeres. Falls sie sich die Praxisgebühr leisten können.
Übrigens gab es früher solchen Schmarrn als Fortsetzungsroman im Heftchenformat für 30 Pfennige („Kleine Mutti“).



Wem Gott will rechte Gunst erweisen

Erschienen in der von Vincent Klink und Wiglaf Droste herausgegebenen Zeitschrift “Häuptling Eigener Herd”

Im November ging das Schlachten in meinem Heimatdorf los und wir Kinder zogen von einem Bauernhaus zum nächsten, um uns dort ungerührt die quiekenden Schweine anzuhören, was uns deshalb nicht weiter störte, weil man als Landkind Tieren gegenüber eine eher pragmatische Einstellung hat. Schweine, Rinder und Schafe waren zum Wurstmachen da und auch unseren Stallhasen gegenüber waren wir nicht zimperlich: als Sonntagsbraten waren sie herzlich willkommen.
Außerdem waren es dieselben Schweine, die wir im Sommer mit Luftgewehren beschossen hatten; eigentlich sollten wir die Ratten treffen, die damals immer noch in den Schweineställen hausten und sich sauwohl fühlten, aber die waren zu schnell...meistens trafen wir doch eine Sau, und so waren wir das Quieken schon gewohnt
Dann ein dumpfer Schuss. Und kurz danach hing das Schwein schon an der Scheunenwand, nachdem es ausgeblutet war. Für die Blutwurst rührten die Männer stundenlang das Blut, damit es nicht gerinnen konnte. Wir standen dann in einer Reihe, denn wenn der Schlachter, der nacheinander von den großen Bauernhöfen bestellt wurde, in großen Kesseln die Innereien kochte, kriegten alle einen dampfenden Lappen auf die Hand geklatscht: gekochte Leber!
Wird mir heute noch schlecht, wenn ich daran denke.
Wir zogen uns dann auf den Heuboden zurück, was streng verboten war, und mampften das Zeug weg. Etwas später gab es dann die Leberwurst, von denen alle Nachbarn was abkriegten; grobe, feine und fast rohe, die gebraten mit Sauerkraut auf den Tisch gebracht wurde. Dazu gab es noch Grützwurst; zuerst musste die Grütze eingeweicht werden, während der Schlachter die Därme reinigte, und später wurden die Würste ganz kurz geräuchert, bis sie verspeist werden konnten. Blutwurst war außer Leberwurst und Grützwurst die dritte im Bunde. Wegen der kleinen Speckstücke nannten wir sie „schlimme Augenwurst“.
Wir lungerten dann immer noch ein bisschen herum, weil es dann und wann noch einen Happen gab: Die Frauen schnitten das Fleisch in kleine Stücke für die Sülze, und ab und zu reichten sie ein paar Stücke nach hinten „för dat lütte Kroppzeuch“, ohne sich umzudrehen. Sie wussten, dass immer mindestens ein Kind hinter ihnen stand. In der Waschküche banden sie dann die Würste ab und ließen sie vorsichtig im Waschkessel sieden, damit keine platzen konnte. Sollte das doch mal der Fall sein, so standen wir jedenfalls Gewehr bei Fuß daneben und fraßen, was uns zugeworfen wurde.
Das darf man einem Vegetarier heute gar nicht erzählen, da kriegen die ja gleich einen Ausschlag.
Auch die Mettwurst war nicht ohne, aber die gab es erst ein paar Wochen später, wenn sie geräuchert war, allerdings musste sie ein paar Tage „aushängen“ und kam erst dann in die Räucherkammer. Mettwurst musste erst sehr lange geknetet werden, was wiederum Aufgabe der Frauen war. Vorher wurde sie noch gesalzen, gepfeffert, mit Senfkörnern versehen und mit ein paar Gläsern Rum getränkt, den der Schlachter mitgebracht hatte. Gegen Abend wurden die Bauern immer sehr fröhlich...
Meine Mutter war auf die Mettwürste besonders scharf, aber für die Bauern gehörte sie zum Täglich Brot, und bei Hochzeiten, Kindstaufen, Beerdigungen und ähnlichen ausgelassenen Festivitäten wurde „Aufschnitt“ vom Schlachter aus der Stadt geholt, weil der Bauer sich nicht lumpen lassen wollte. Der schmeckte zwar nicht entfernt so gut, war aber „feiner“.
Als ich einem Freund schrieb, dass ich gerade beim Verfassen eines Artikels zum Thema „Wurst“ sei, schrieb er gleich zurück, dass ihm „spontan“ eine Zeitungsmeldung eingefallen sei, nämlich aus der Deutschen Zeitung vom 18.11.1918 (wieso ihm das spontan einfiel, weiß ich auch nicht, denn er wurde erst etwa 50 Jahre später geboren):
„Zwischenfall im [Berliner] Dom. Als gestern Oberhofprediger D.V. Dryander im Dom den Gottesdienst abhielt, unterbrach ihn ein besser gekleideter Herr mittlerer Jahre und hielt von der Empore herab eine Ansprache, die mit den Worten schloss: "Jesus Christus ist uns Wurst."
Pfuirufe ertönten, viele Frauen brachen in Tränen aus, der Geistliche barg das Gesicht in Händen. Die Gemeinde stimmte aber sofort in den Choral ein `Ein feste Burg ist unser Gott! `“.
Der besser gekleidete Herr mittleren Alters war Johannes Baader (nicht d e r !), ein Oberdadaist, der später von Berlin nach Hamburg floh und von dort 1943 wg. Bombardierung in die niederbayerische Kleinstadt Landau an der Isar umquartiert wurde, wo er den Rest seines Lebens zubrachte.
Fragt sich nur: Ein welche Wurst ist unser Gott? - Mettwurst? Leberwurst? Blutwurst? Gammelfleisch? - Und wo ist der Choral, der diese blasphemische Betrachtung nieder singt?
Ist doch logisch – „überall ist Gott zugegen“ (Koran):
„Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die Wurstfabrik, de-hen lässt er in die Wurst reinbei-ßen und wünscht ihm guten Ap-pe-tit“
Ein leicht verfälschtes Lied von Eichendorff, das wir Nachkriegskinder mit Inbrunst schmetterten. Von der weiten Welt hatten wir keine Ahnung, aber in unseren Träumen waren wir in einem Himmel, der voller Würste hing.



Kaiser Karl

Zum ersten mal in dem neuen Restaurant. Essen schmeckt, Espresso schmeckt, Zigarette schmeckt. Alle Freunde sind hochzufrieden. Nebenan aber sitzt ein älterer Herr, der auf seinem Stuhl hin- und herrutscht und sich offensichtlich nicht ganz wohl fühlt. Er lässt den Geschäftsführer holen : “Sagen Sie mal, die Bedienung hier – ähem - die hat ja einen
s e h r kurzen Rock...“ Der Geschäftsführer, auch ein älterer Herr, aufgeräumt und gutgelaunt, beugt sich zu dem Gast runter:“ Ja, das stimmt. Aber da sollten Sie erst mal Frau Depenbrock sehen, die ist allerdings nur mittwochs hier, d i e hat einen Rock an, da wissen sie gar nicht, wo sie hingucken sollen.“
Scheint ein Lokal zu sein, in das man öfter gehen muss. Nämlich am nächsten Mittwoch. Und wer sitzt wieder da? - Erraten!
Der Herr bestellt zu seinem Kaffee einen Brandy „Carlos I.“, und winkt Frau Depenbrock zu sich, um sie gönnerhaft zu fragen: „Na mein Kind, wissen Sie denn überhaupt, wer Carlos Primero war?“ Fließend antwortet sie: „1500 bis 1558, Karl der Erste von Spanien, König der Vereinigten spanischen Königreiche, `wo die Sonne nie unterging`, als Karl der Fünfte letzter deutscher Kaiser des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und Herr der österreichischen Erblande...“ „Oh,“ stottert er, „Sie sind wohl Studentin und haben –äh - Geschichte studiert...“ Frau Depenbrock: „Nö, das wusste ich sowieso. Gehört ja zur Allgemeinbildung oder was.“ Sprichts und verschwindet.



So geht's auch

Nachdem ich ein sehr anstrengendes Gespräch mit einem Lektor hatte, ging ich mit der nach Hamburg angereisten Susanne ins Cafe Stenzel, wo wir es uns bei Kaffee und Sachertorte und dem einen oder anderen Dujardin gemütlich machten. Wir zogen gerade über Verleger und andere unbedeutende Gestalten her, als ihr handy klingelte.

Susanne: „ Nein... Herr...äh...Dings...ich kann jetzt nicht... bin grad im Zug... ich kann Sie nicht... ohje, da kommt ein Tunnel..."
Um dann diabolisch grinsend auf den Auflegeknopf zu drücken.
Das hat mich für viel Ungemach an diesem Tag entschädigt..

Fanny Müller

 
 

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